Reisst Euch zusammen!

Wie sag’ ich Euch das jetzt am besten? Da mich die meisten ohnehin nicht heißbreizirkulierend kennen, spreche ich es einfach mal offen aus: Ich habe keine Lust mehr, Euch zu lesen. Okay, vielleicht nicht ganz in Ordnung, alle über einen Kamm zu scheren, mag sein. Aber es betrifft schon recht viele Leute aus meinem Adressbuch. Leider.

Was ist das Problem? Ich wurde neulich durch zwei, drei Begebenheiten wieder auf etwas aufmerksam, was mich schon seit ein paar Jahren ärgert: Die Rechtschreibung in Deutschland geht den Bach runter. Das ist jetzt sicherlich nicht die überraschendste Erkenntnis. Allerdings beobachte ich seit geraumer Zeit auch eine zunehmende  „Scheißegal-Einstellung“ was die deutsche Rechtschreibung und ihre korrekte Anwendung angeht.

Um es mal auf den Punkt zu bringen:

Ich habe keine Lust mehr, Facebook-Postings zu lesen, in denen die Zahl der Fehler die Anzahl der geschriebenen Sätze übersteigt. Ich habe keine Lust mehr auf Bewerbungen von Abiturienten und Studenten, die Kommasetzung ganz offensichtlich nach dem Zufallsprinzip anwenden. Ich habe keine Lust mehr auf Journalisten, die ihre eigenen – vor Fehler strotzenden – Artikel nicht mal mehr Korrektur lesen, bevor sie veröffentlicht werden. Ich habe keine Lust mehr auf Nachrichten von Personen in Führungspositionen, die beispielsweise den Unterschied zwischen „seid“ und „seit“ sowie „das“ und „dass“ offenbar nicht kapieren.

Ganz ehrlich: Was ist los mit Euch? Zwei Möglichkeiten: Entweder könnt Ihr es tatsächlich nicht besser – was ich in Anbetracht der oben genannten Beispiele echt dramatisch finden würde – oder Euch ist die korrekte Rechtschreibung mittlerweile völlig egal. Mir aber nicht.

Korrekte Rechtschreibung zeugt nämlich nicht nur von Intelligenz, sie zeugt auch von Respekt dem Empfänger der Nachricht gegenüber.

Aber irgendwie haben viele von Euch diesen Respekt verloren, scheint mir.

Denn wenn ich Euch so lese, kommt er immer öfter hoch. Dieser Ärger über fehlerhafte Grammatik, der Ärger über völlig stümperhafte Interpunktion, der Ärger über Satzbau-Konstruktionen from hell und der Ärger über die Faulheit, mal ein Fremdwort nachzuschlagen.

Meine Mutter erinnerte mich neulich daran, dass ich schon früher in der Schule sehr wenige Rechtschreibfehler in Deutsch gemacht hätte – dafür aber hundsmiserabel leichte Schwächen in Mathematik hatte. Sie meinte, so hätte halt jeder seine Stärken und Schwächen. Klingt ja zunächst logisch.

Moment!

Da musste ich ihr doch vehement widersprechen. Gut im Umgang mit Zahlen zu sein, ist in meinen Augen ein Talent. So wie jemand auch talentiert im Sport sein kann. Und sicherlich besitzen einige Menschen auch ein  Talent für Deutsch bzw. für Sprache und Text im Allgemeinen. ABER: Selbst diejenigen, die ihre Talente in ihre Berufe integrieren konnten, benutzen sie nicht zwingend JEDEN Tag. Auch ein Controller hat mal Wochenende, ein Sportler einen trainingsfreien Tag und ein Manager Urlaub. Einverstanden?! Okay, nun die entscheidende Gegenfrage:

Vergeht auch nur ein einziger Tag, an dem Ihr NICHT schreibt und nicht lest? Kein Facebook-Posting? Keine WhatsApp-Nachricht? Keine SMS? Keine E-Mail…? Sicherlich nicht.

Schreiben und Lesen machen wir alle JEDEN Tag. Etwas überspitzt gesagt, ist es eigentlich mehr wie Atmen, Essen und Trinken. Wenn man eine Tätigkeit jeden Tag ausübt, wird man normalerweise besser in dem, was man tut. Wenn man jeden Tag seine Muskeln trainiert, wird man kräftiger; wenn jemand jeden Tag Englisch spricht, wird er sicherer und flüssiger in seiner englischen Aussprache. Warum, um Himmels Willen, werdet Ihr immer schlechter in Rechtschreibung?!

Ich vermute, Ihr seid abgestumpft. Ihr seht Eure Rechtschreib- und Grammatikfehler nicht mehr, weil ganz, ganz viele andere Menschen die gleichen Fehler auch machen. Rechtschreibfehler sind völlig normal geworden. Man stört sich nicht mehr daran. Ist ja viel bequemer. Die Anderen schreiben ja genauso mies. Neulich habe ich eine Autoresponse-E-Mail von einem Geschäftspartner erhalten: Zwei kurze Sätze, vier Schreibfehler. Hochgerechnet auf einen klassischen Deutsch-Aufsatz von fünf bis sechs Seiten wäre das eine glatte Sechs Minus. Viele von Euch würden mit der Rechtschreibung, die Ihr so alltäglich in den Social Networks darbietet, niemals „eine Vier“ schaffen.

Vermutlich ist das auch ein Grund dafür, weshalb viele zu einem ganz speziellen Hilfsmittel greifen: Emoticons. Ich habe „Konversationen“ bei WhatsApp gesehen, die bestanden nahezu AUSSCHLIESSLICH aus Emoticons! Es ist traurig mitanzuschauen, dass Ihr offenbar nicht mehr in der Lage seid, so zu schreiben, dass andere Eure Ironie in den Sätzen oder Eure Gefühle ohne alberne Zeichen verstehen. Vor lauter Smileys, Kleinerdreis, LOLs und LGs merkt Ihr gar nicht mehr, wann etwas wirklich lustig ist und wann Grüße tatsächlich lieb gemeint sind.

Weiteres Beispiel: diese angewohnheit, alles in kleinbuchstaben zu schreiben. Das fand ich sogar selbst mal cool – allerdings für einen sehr kurzen Zeitraum.

Es ist nicht cool. Es ist schlichtweg falsch! In diesem obigen Satz mit sieben Wörtern hätte ich so drei Fehler. Ich behaupte, dass viele dieses gerade im Internet oft angewendete „Stilmittel“ gern dazu nutzen, ihre Rechtschreibschwäche zu kaschieren. So merkt wenigstens keiner, dass sie zum Beispiel keinen blassen Schimmer von der Substantivierung von Verben haben. Lediglich bei einem Freund drücke ich immer beide Augen zu, denn er ist Werbetexter. Ich weiß ganz genau, dass er Rechtschreibung beherrscht und mit Wörtern auch viel besser umgehen kann, als ich. Bei den meisten anderen „Kleinschreibern“ bin ich mir da nicht so sicher.

Ich möchte mich gar nicht von Fehlern freisprechen, denn auch ich mache welche und nicht jeder Tweet oder jede E-Mail ist korrekt. Aber ich behaupte, dass man mir die Mühe, meine Texte fehlerfrei zu verfassen, anmerkt – und zwar auf jeder Plattform. Diese Mühe vermisse ich bei vielen. Noch einmal zur Verdeutlichung: Ich spreche hier von Rechtschreibregeln, die man eigentlich befolgen sollte. Übertragen auf die Mathematik wäre das so, als würde 2+2 = 4 für uns alle nicht mehr gelten – und jeder schreibt einfach irgendeine Zahl als Ergebnis hin. Oder stellt Euch mal vor, jeder würde Verkehrsregeln so auslegen, wie es ihm gerade passt.

Also, noch einmal: Was ist Euer Problem, Rechtschreibregeln einzuhalten?!

Dieser Artikel hier enthält exakt 1020 Wörter. Vielleicht habe ich hier auch ein paar Fehler gemacht. Wisst Ihr was? Dann korrigiert mich – wenn Ihr dazu denn in der Lage seid. Darüber würde ich mich in diesem Fall sogar freuen, denn dann hättet Ihr Euch mit dem Text, der Rechtschreibung und der Grammatik auseinandergesetzt. Und ansonsten bitte ich Euch einfach:

Reißt Euch mal zusammen!

 

Euer Matthias

Schulhefte by Kuchel

2 Comments

  • lothar sagt:

    Ja, aber.

    Im Gegensatz zu den Verkehrsregeln führt Rechtschreibignoranz nicht zu Toten, solange du keine Herzattacke bekommst (Smiley!). Und in einer Rechnung ist mit einer falschen Zahl das Ganze hinfällig. Die Gleichung funktioniert nicht mehr. Auch ein Text ist irgendwann hinüber, aber solange der Rezipient den Kontext kennt und mitdenkt, kann ein Text auch mit mehreren Fehlern in jedem Wort funktionieren. Und da viele Sprache einfach als Werkzeug begreifen, das gut ist, wenn es seine Aufgabe erfüllt, wird geschrieben, wie geschrieben wird. Die Duden-Redaktion segnet es dann irgendwann auch ab.

    These:
    Respekt oder dessen Gegenteil kann durch den Gebrauch von Sprache nur bekunden, wer die Sprache respektiert.

    Wer sie als Kulturgut sieht oder als ein Werkzeug, mit dem ein Kunstwerk geschaffen werden kann, geht sorgfältig mit ihr um. Allerdings nicht unbedingt, um damit Respekt vor anderen zu zeigen. In erster Linie will man sich nur keine Bildungslücke vorhalten lassen müssen. Angst vor Peinlichkeit ist der erste Antrieb und nicht nobler Natur. Man könnte jetzt darüber streiten, ob dies nicht eine Wertschätzung der Meinung der anderen über einen selbst ist, die wiederum Respekt impliziert. Dies sei hier aber bitte ausgeklammert.

    Respekt vor anderen fängt da an, wo sich der Sender einer Botschaft beim Verfassen anstrengt, um es allen anderen leicht zu machen. Noch lange vor korrekter Interpunktion bedeutet dies, einfach ganze Sätze zu bilden und Gedanken nachvollziehbar darzulegen. Ich habe schon fehlerfreie aber kryptische Sätze/Texte gelesen, an deren Stelle auch ein großer Mittelfinger hätte stehen können. Denkfaulheit ist die Frechheit dabei und gut an der Satzendung „u.s.w.“ zu erkennen, wobei „s.“ nirgends auch nur annähernd definiert wird. Da ist es mir lieber, wenn jemand die nötige Zeit für einen sauberen Text bei der Groß- und Kleinschreibung einspart. Das macht beim Tippen einiges aus. Auch die sonstigen Tippfehler verzeihe ich einem ansonsten guten Text. Zugegeben: Zu viele davon wirken immer unprofessionell und einige werfen tatsächlich die Intelligenzfrage auf. Aber deshalb böse werden?

    Ich bin oft hin und her gerissen zwischen Werkzeug und Kulturgut. Ich entdecke Fehler und denke hinter gerunzelter Stirn „funktioniert doch“. Wenn die Botschaft ankommt, habe ich die Wahl, mich daran zu stören, oder nicht. Die Entscheidung fälle ich nach Tagesform. Im Zweifelsfall möchte ich aber nicht so förmlich sein. Vielleicht bin ich auch nur verständnisvoll, weil ich selbst immer schon viele Fehler gemacht habe. Einfach mal ein Wort im Satz auslassen, war in der Schule normal mir. Und die Emoticons mögen eine kleine Kapitulation sein, aber sie funktionieren intuitiv und schnell. So gesehen ein gutes kreatives Produkt. Früher haben die Leute eben “Hahaha, das war ein Witz” geschrieben. Wenigstens nicht so ätzend bunt, aber auch nicht besser.

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