Matthias meckert #1 // Film „Die Mannschaft“

Zu Jahresbeginn strahlte die ARD am 2. Januar den Film „Die Mannschaft“ aus – quasi ein Videotagebuch der deutschen Fußball-Nationalmannschaft über die Weltmeisterschaftswochen im Sommer 2014. Ich freute mich auf den Film, den ich eigentlich noch im Dezember ’14 mit guten Freunden im Kino gucken wollte, aber zeitlich immer etwas dazwischen kam. Da ich nun von einigen Seiten gefragt wurde, wie ich denn den Film fand, schreibe ich meine Gedanken dazu einfach mal auf.

Vorweg: Ich war am Ende enttäuscht. Dabei hatte ich gar keinen Hollywoodstreifen erwartet, klar. Aber je länger der Film lief, desto öfter dachte ich: Das kann doch nicht deren Ernst sein. Und weil ich es hasse, wenn man einfach nur destruktiv und subjektiv sagt „Mag ich nicht!“, habe ich angefangen, aus Filmemacher Sicht zu analysieren, was mich genau gestört hat. Also: Here we go.

1. DER AUFBAU

Sorry, ich muss es mal so klar sagen: Ich habe selten einen inhaltlich so miesen und undurchdachten Aufbau einer filmischen Dokumentation gesehen. Der Film beginnt mit einer Szene aus dem Achtelfinalspiel gegen Algerien, dem vermeintlichen Müller-Stolperer beim Freistoß. Dann folgen – zack-zack – Szenen aus dem historischen Halbfinale gegen Brasilien inklusive aller sieben Tore.

Nach diesem etwas konfusen Anfang geht es dann aber im gesamten übrigen Film absolut chronologisch zu: Vorbereitungstrainingslager in Tirol, Anreise nach Brasilien, Gruppenspiele, K.O.-Runde, Finale, Party im Hotel, Fanmeile in Berlin. Da man ja die Tore gegen Brasilien schon alle am Anfang gezeigt hatte – warum auch immer – werden allerdings an der Stelle des Halbfinals nur die im TV oft gesehenen Bilder von weinenden Brasilienfans gezeigt. Nun ja. Und was mir auch noch im Gedächtnis hängenblieb: Die letzte nervenzerfetzende Szene des Finals gegen Argentinien, der Freistoß von Messi kurz vor Schluss, wurde überhaupt nicht gezeigt: Tor Götze. Abpfiff. Jubel. Weltmeister.

Dieser Aufbau ist meiner Meinung nach ziemlicher Quatsch und unnötig kompliziert. Ein Abweichen von der Chronologie ist sinnvoll, um beispielsweise einen bestimmten Spannungsbogen zu erzeugen oder aber bestimmte Themenblöcke darzustellen, bei der der zeitliche Ablauf nicht im Vordergrund steht. So, wie es bei „Die Mannschaft“ gemacht wurde, wirkte es einfach nur merkwürdig. Zumal der gesamte Ablauf des Turniers aus deutscher Sicht fast identisch mit dem klassischen Plot eines Hollywood-Streifens ist: Die Einleitung erfolgt über das Trainingslager, der Spannungsaufbau über die Gruppenspiele bis hin zum actiongeladenen Höhepunkt mit der 7:1-Gala und kurz vor dem Happy-End mit dem Finalsieg…

Merkt Ihr’s? Ein bloßes Nacherzählen der Ereignisse hätte den Film vermutlich schon besser gemacht – auch wenn alle den Ausgang kennen.

Ich verstehe also partout nicht, warum die Filmemacher mit der Müller-Freistoßnummer eine wunderschöne Pointe sowie mit den Brasilien-Toren zweifelsohne die absoluten Höhepunkte des Turniers gleich am Anfang „verballert“ haben. Sie hätten in meinen Augen eingebettet in der Chronologie wesentlich besser funktioniert.

2. DER LOOK

Ich nehme anhand der gezeigten Bilder an, dass der DFB zwei oder drei Kameraleute an Bord hatte – von denen allerdings nur einer etwas auf dem Kasten hatte. Denn es war schon auffällig, wie extrem sich die Bilder in ihrer Bildsprache und in ihrer Qualität unterschieden. Beispiel Kabinenansprache, kam mehrmals vor: Die Mannschaft bildet einen Kreis, mal redet Jogi Löw zur Mannschaft, mal Philip Lahm. Die Kamera filmt dabei nahezu vom Boden aus einer Ecke der Kabine. Was ist zu sehen? Logisch: Lauter Männerbeine. Den sprechenden Trainer/Spieler in der Mitte des Kreises sieht man kaum. Warum geht man nicht zwei Schritte näher ran, hält die Kamera über den Kopf und filmt die Szenerie von oben ab?! Wäre doch emotionaler gewesen, den Anfeuerer bei seiner Rede auch zu sehen.

Darüber hinaus ist es heutzutage eigentlich üblich, durch Farbveränderungen des original Filmmaterials den Filmen oder Werbespots einen bestimmten Look zu geben. Zum Beispiel indem man die Farben entsättigt oder durch einen Sepia-Farbton einen Retro-Effekt erzeugt. In diesem Fall schien mir allerdings noch nicht mal eine FarbKORREKTUR gemacht worden zu sein, bei der man die Farben von unterschiedlichen Aufnahmen (z.B. von zwei unterschiedlichen Kameras) farblich angleicht. Eine Sequenz war durch das Sonnenlicht gelblich eingefärbt, die nächste wieder völlig normal, obwohl sie in etwa in der gleichen Situation entstanden sind. So eine komplette Farbkorrektur eines rund 90-minütigen Films erfordert Zeit, logisch. Leider scheint es so, als ob man sich diese Zeit nicht hätte nehmen wollen.

3. DIE INTERVIEWS

Okay, man weiß nicht, was alles der Schere des Fußball-Weltverbands FIFA, der den Film autorisieren „musste“, zum Opfer fiel. Aber Tatsache ist: Es waren viiiiiiiiieeeeeel zu wenig O-Töne in dem Film. Und die gezeigten Interviews wirkten auch noch so aufgesagt, so unspontan und emotionslos, dass man das Gefühl hatte, die Spieler sprechen von der anstehenden Reparatur ihres Autos – und nicht von den geilsten und abgefahrensten Wochen ihres Lebens.

Es wirkte auf mich, als hätte man den jeweiligen Protagonisten nicht einfach erzählen lassen und dann die besten Takes mit den emotionalsten Aussagen genommen, sondern eher, als hätte man den Spielern gewisse Vorgaben gemacht: „Hey Thomas, und dann sagst du ein paar Sätze zu der verlorenen Golfwette, das ist witzig.“ – „Du Basti, am besten dankst du dem Blatter nochmal, dass er die WM nach Brasilien gegeben hat. Das finden die bei der FIFA bestimmt geil.” Oder so ähnlich.

Außerdem: Ich kann es jetzt nicht überprüfen, aber gefühlt wurden alle O-Töne aus der gleichen Richtung aufgenommen, d.h. alle Interviewpartner standen im selben Winkel zur Kamera. Wenn man es allerdings professionell macht, wechselt man eigentlich die Position der Kamera oder die der verschiedenen Interviewten. So ergeben sich dann nämlich unterschiedliche Perspektiven in den O-Tönen, was abwechslungsreicher und dynamischer wirkt. Diese fehlende feine Kleinigkeit lässt in meinen Augen nur zwei Schlüsse zu: Entweder hat der verantwortliche Redakteur keine Ahnung oder – was ich eher vermute – die Interviews wurden lieblos schnell mal runtergefilmt. Egal wie: Beides eines Films über den vierten Weltmeistertitel absolut unwürdig.

4. DIE MUSIK

Was für eine Bedeutung Musik in einem Film hat, brauche ich wohl nicht zu erklären. Dafür muss sich ja jeder nur mal einen Horrorfilm ohne Ton anschauen.

Die komplette Filmmusik zu „Die Mannschaft“ kam von Helmut Zerlett, den die meisten wahrscheinlich als Bandleader der früheren Harald Schmidt-Show kennen. Der Helmut hat sicherlich musikalisch einiges auf dem Kasten, aber was für eine langweilige, lieblose Klimpermucke war das denn, bitte?! Der ganze Soundtrack klang nach Produktionsmusik aus dem Schrank mit den ganzen Selected Sounds-CDs aus den 80ern! Wenn ich nur fünfzehn Minuten im Online-Archiv von Warner Chappell suche (Hallo Sascha!), finde ich geilere und emotionalere Musik als diese Zerlett-Unterleger. Mit genügend O-Tönen hätte man diese Klangteppiche locker zudecken können, aber: Siehe oben. So musste die Musik relativ lange Videosequenzen tragen – und dafür war sie viel zu nichtssagend.

KURZES FAZIT

Ganz ehrlich: Wie kann so etwas sein? Da ist dieses Produktionsteam ganz, ganz dicht dran an der Mannschaft, die zum vierten Mal den Weltmeistertitel für Deutschland gewinnt, hat sicherlich einen riesigen Haufen von sensationellem Material gedreht – und alles was dabei herauskommt, ist dieser Film?!

Ich bin regelrecht traurig, dass dieser großartige Sportmoment und diese, nicht nur im sportlichen Sinn, herausragende Mannschaft durch so einen uninspirierten Streifen filmisch für die Zukunft festgehalten wurden. Das Ereignis und das Team hätten etwas Anderes verdient gehabt.

Und Ihr so? Wie fandet Ihr den Film…?

1 Comment

  • Hallo Matthias, schön gemeckert, und vor allem sehr richtig gemeckert. Du sprichst mir aus der Seele, deine Aufarbeitung ist sehr treffend. Ich war auch sehr enttäuscht. Es war ja ein emotionaler Höhepunkt im Jahr, daher hätte man wie du es beschreibst, wunderbar in der Chronologie und mit etwas Dramatik schön aufbereiten können. Der Müller-Freistoß wäre eine gute Story dazwischen gewesen, ebenso das Spiel gegen Brasilien mit allen Toren.
    Ich habe nicht zu Ende geschaut, sondern lieber meinen Sohn ins Bett gebracht …

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