Wer billig kauft…

Wer billig kauft

… kauft zwei Mal. So heißt es ja immer. Das gilt durchaus auch für die Videoproduktion. Nun ist es natürlich so, dass man eigentlich IMMER jemanden findet, der es günstiger macht. Die Frage ist aber, was man unter einem gewissen Preislevel noch so bekommt. Und da tun sich die Auftraggeber mit der Annahme eines Dumping-Angebots meistens keinen Gefallen. Eine professionelle Videoproduktion kostet einfach Geld, weil sie Gehirnschmalz, Equipment und Manpower benötigt – wenn man es vernünftig macht.

Ich kann Euch mal ein aktuelles Beispiel aus meinem geschäftlichen Umfeld erzählen, was so passiert, wenn man einen Billiganbieter beauftragt.

Ein Kunde von mir, den ich kreativ-strategisch berate, hat einen neuen Job begonnen. Es geht um die Vermarktung eines großen Immobilienobjekts. Bereits vor seinem Jobantritt wurde ein lokaler Filmemacher mit der Realisierung eines Imagefilms für die Immobilie beauftragt. Mein Kontakt hatte noch versucht, mich dafür ins Spiel zu bringen, aber als ich von der Höhe des existierenden Angebots hörte, winkte ich direkt dankend ab.

Der Preis für Dreh, Drohnenaufnahmen, Planung, Schnitt, Musikrechte lag bei gerade mal 1.800 Euro. Wer meine Geschichte kennt, weiß, dass ich seit Jahren leicht allergisch auf solche Dumping-Angebote reagiere – und sie nicht mitgehe.

Noch kurz vorweg: Die Beauftragung des Films war zu dem damaligen Zeitpunkt sinnlos, da das Objekt noch innen renoviert wurde. Es konnten also lediglich Außenaufnahmen des Gebäudes erfolgen, und das ist inhaltlich für solch ein Video ziemlicher Quatsch. In dem Punkt konnte der Filmemacher also nichts dafür. Für alles Andere, was dann so passierte, schon.

Der Dreh lief noch ganz okay, was mir berichtet wurde. Sie kamen sogar zu zweit: Ein Drohnenpilot mit einer recht guten Drohne und ein Kameramann mit einer kleineren DSLR-Kamera. Es wurde ein halber Tag gedreht, das Gebäude von allen Seiten und natürlich aus der Luft. Mehr ging ja nicht. Und dann folgte die Post-Produktion – womit die ganze Chose begann.

DIE SACHE MIT DER MUSIK

Es begann mit der E-Mail eines „Creative Producer“, der offenbar den Schnitt des Films übernahm. Er schickte meinem Kontakt Links zu fünf recht unterschiedlichen Musikstücken mit der Bitte, mein Kunde möge sich doch bitte für einen Song und somit für einen Musikstil entscheiden. Er würde den Film dann passend zum ausgewählten Stück schneiden. Ganz ehrlich: Das waren fünf schreckliche Songs, die ich mir allesamt null für diesen Clip vorstellen konnte.

Ich persönlich finde das Vorgehen des Producers schon merkwürdig. Schließlich bin ICH (Also er. Ihr wisst schon, was ich meine.) doch der Filmemacher, ICH bin der Mensch mit dem Gefühl und der Erfahrung für bewegtes Bild und Musik, ICH weiß am besten, welche Musik zu meinen aufgenommenen Bildern passt! Und nicht der Kunde, der noch nicht mal das Rohmaterial gesehen hat. Komische Herangehensweise.

Darüber hinaus wunderte ich mich über die Sound Library, aus der diese fünf Songs ausgewählt wurden, denn eigentlich kenne ich alle großen, bekannten Musikarchive und Production Music-Anbieter. Von diesem hier hatte ich jedoch noch nie gehört. Also guckte ich mir das Musik-Angebot mal genauer an. Nachdem ich mich durch ein paar Musikkategorien durchklickte, fiel mir auf, dass pro Genre nur sehr wenig Seiten vorhanden waren – und pro Seite auch nur acht Titel. Ich klickte auf „All“, um mir alle Titel aus allen Genres des Archivs anzeigen zu lassen.

Es waren gerade mal rund 70 Songs. Insgesamt. (Klickt mal hier und dann auf die Page 10, mittlerweile sind es 91 Songs)

MusicSchloss man für diesen „Corporate Movie“ unpassende Musikstile wie „Jazz“ oder „Funk“ aus, landete man bei einer Auswahl von ca. 12 Liedern, die für dieses Video überhaupt in Frage kamen. Und davon hat der Creative Producer fünf Links an meinen Ansprechpartner geschickt. Für diese Rechercheleistung berechnete der Creative Producer übrigens 50 Euro extra. Irgendwo muss das Geld ja herkommen. Ich schlug meinem Ansprechpartner ein anderes Stück aus diesem Archiv from Hell vor – auch nicht schön, aber immerhin noch passender als der andere Mist.

DIE FÜNF TEXTEINBLENDUNGEN

Als Nächstes folgte dann eine E-Mail des Creative Producer mit Frage,  welche fünf Texte denn eingeblendet werden sollen. Pro Insert würden übrigens 80 Euro berechnet werden. Mein Kunde fragte nach, denn laut Angebot seien fünf Texteinblendungen inklusive. Die Lösung: Die angebotenen fünf Inserts seien einfach nur statisch eingesetzte Texte. Der Creative Producer wollte die Texte allerdings so ein bisschen schick animieren – und dafür dann eben 80 Euro pro Einblendung extra. Er versuchte es meinem Kunden wirklich schmackhaft zu machen… (Zitat aus der E-Mail):

Damit die Botschaft in den Focus des Betrachters rückt, empfehle ich animierte und prägnant gestaltete Textgrafiken im Gewand Ihres Corporate Designs, denn gerade spektakulären Luftbildern müssen die Kernbotschaften ins Auge stechen damit sie nicht unter gehen. Bei Luftaufnahmen neigt der Betrachter erstmal seinen Blick zur Orientierung zu nutzen und daher sind Textgrafiken bei solchen Bildern immer eine kleine Herausforderung. Ich rate Ihnen daher zu kurzen und gut merkfähige Aussagen, gepaart mit einer auffälligen und von der Taktung leicht lesbaren Grafik.

Als ich nach meiner Meinung dazu gebeten wurde, sagte ich, dass der Film eh scheiße nicht sonderlich hochwertig werden wird für das Geld. Da reissen dann ein paar animierte Texte auch nichts mehr raus. Mein Kunde stimmte zu. Also nur die Standard-Einblendungen.

Und dann kam die erste Schnittversion. Leute… Ich musste beatmet werden.

HEUTE BLAU, MORGEN BLAU…

Man sieht diverse Luftaufnahmen, wieder Luftaufnahmen, eine Szene vom Eingangsbereich, nochmal Luftaufnahmen und noch ein paar Luftaufnahmen zum Abschluss. Sagen wir so: Schön ist anders.

Okay. Es ist ja oft eine Geschmackssache, wie man den Film gestaltet und sicherlich darf man kein Meisterwerk für einen solch niedrigen Preis erwarten. Aber man darf zumindest einen technisch einwandfreien Film erwarten. Und das war schon nicht der Fall. Denn in dem Film fanden sich 2-3 Bilder, die blaustichig waren. Ein Fehler beim Weißabgleich während der Aufnahme. Zum besseren Vergleich habe ich hier mal zwei verschiedene Szenen aus dem Clip nebeneinander gelegt. Normalerweise sollten sie in ihrer Farbgebung identisch sein.

Wenn man also bei der Aufnahme den Weißabgleich verhunzt hat, dann muss man zumindest in der Postproduktion diesen technischen Fehler durch eine Farbkorrektur wieder geradebiegen. Basta. Keine Diskussion. Dafür gab es aber blöderweise keine extra Kohle, also wurde es mehr schlecht als recht hingerotzt.

Sorry, für die Ausdrucksweise, aber anders kann man das nicht nennen. Denn anstatt die eine Sequenz farblich den korrekten Bildern anzupassen – haltet Euch fest – haben nun alle anderen Szenen auch einen leichten Blaustich! Als mein Kunde das dann auch noch monierte, gab’s eine motzige Antwort-E-Mail gratis obendrauf.

BESTE REFERENZEN

Vor ein paar Tagen erzählte ich die ganze Story meinem Cutter, da wir gerade zusammen im Studio saßen. Daraufhin googelte er die Produktionsfirma, die den Schnitt des Clips realisierte, und wir schauten uns die Homepage mal genauer an. Lustig ist schon direkt, dass sie unter „Preise“ durchaus realistische Zahlen stehen haben. Die günstigste Leistung, die man bei denen einkaufen kann, ist ein Facebook-Livestreaming für rund 2.500 Euro. Ansonsten stehen auf deren Website auch durchaus höhere fünfstellige Summen. Und dann machen die – auch noch als Sub-Dienstleister für den lokalen Filmemacher – einen Clip für eins-acht…? Merkwürdig.

Anschließend guckten wir uns noch ein paar Clips von ihren Referenzen an. Die konzeptionellen Inhalte der Videos lassen wir jetzt mal beiseite. Aber zwei Dinge fielen uns besonders auf:

1. Die Musik in den Filmen passte wirklich NIE zu den Bildern! Jeder Clip sah aus wie… tja, als ob irgendwelche Personen die Musik entscheiden mussten, die aber die Bilder nie gesehen haben… :)

2. Ein Werbespot für eine Golfanlage, der mit einer etwas merkwürdigen Web-Adresse endete. Wir gaben die URL, die am Ende des Spots eingeblendet wird, in den Browser ein: „Page not found“. Dann gaben wir die Adresse ein, wie wir meinten, dass sie richtig ist – und landeten auf der korrekten Website der Golfanlage. Sie hatten sich schlichtweg bei der Texteinblendung verschrieben. Wie gesagt: Der Clip ist online. Inklusive dem Fehler. (Wieso ist der Golfanlage dieser Fehler nicht aufgefallen, bevor sie den Clip freigegeben haben?! Ach, ich wunder mich über gar nichts mehr…)

Also lieber Filmemacher X, liebe Produktionsfirma Y und lieber Creative Producer Z: Kalkuliert doch gleich einen realistischen Preis, mit dem Ihr gut arbeiten und leben könnt – und macht einfach direkt einen guten Film. Nur mal so als Tipp.

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