Fieberlos

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Es ist Sonntag, der 17. Juni 2018, am späten Nachmittag. Während ich diese Zeilen hier tippe läuft im TV parallel das erste Weltmeisterschaftsspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Mexiko…

Bitte, was? Es läuft ein WM-Spiel mit Deutschland – und ich blogge, anstatt es mir anzuschauen?!

Tja. Das ist in der Tat mehr als ungewöhnlich, dass ich nicht total nervös auf dem Public Viewing in Hamburg oder angespannt mit Freunden im Garten beim Grillen während des ersten Deutschland-Spiel mitfieber. Wie ich normalerweise bei einem WM- oder EM-Spiel so drauf bin, hatte ich vor vier Jahren schon mal beschrieben.

Aber diesmal ist alles anders. Es ist sogar geradezu erschreckend, wie gleichgültig ich das Spiel, was da gerade nebenbei auf meinem Fernseher läuft, verfolge. So geht es mir schon seit den Tagen vor WM-Beginn. Das ganze Turnier ist mir dieses Jahr einfach „schietegal“, wie wir hier in Hamburg sagen. Und das ist zum allerersten Mal so, seit ich überhaupt Fußball-Weltmeisterschaften so richtig bewusst als Fan verfolge: 1986, Mexiko.

Aber warum?

Es gibt eine ganze Latte an Faktoren, die alle für mich mit reinspielen. Es beginnt schon mit dem Gastgeber. Vor acht Jahren, als Russland und Katar von der FIFA als Austragungsländer der WM 2018 und 2022 gewählt wurden, wurden ja sofort Stimmen laut, die Korruption vermuteten. Zurecht in meinen Augen. Witziger Weise wird das jetzt von den Medien in der bisherigen Berichterstattung irgendwie gar nicht mehr thematisiert. Passt wohl nicht zur „Big Show“, die jetzt transportiert werden muss.

Nicht zu vergessen: Das russische Staatsdoping, das der ARD-Journalist Hajo Seppelt maßgeblich aufgedeckt hat und weswegen er jetzt nicht zur WM reist, weil er in Russland seitdem als Staatsfeind gilt. Das ist schon alles krank. Dazu kommen die ganzen politischen Ereignisse, die Russland in den vergangenen Jahren so angezettelt hat sowie die Homophobie, die dort an der Tagesordnung ist. Kurz: Ich mag Russland nicht sonderlich.

Ja, es ist vermutlich die politischste Weltmeisterschaft seit jener in Argentinien 1978, als das Land von einer Militärdiktatur regiert wurde. (Für die das neu ist: Lest Euch da ruhig mal ein, da gibt es viele politische Aspekte rund um das Turnier, die viele gar nicht wissen.)

Deutschland hat soeben gegen Mexiko das 0:1 kassiert. Ich nehme es nahezu emotionslos zur Kenntnis.

Und die Politik spielt auch bei Deutschland eine große Rolle. Es sind vier Jahre vergangen seit unserem WM-Titel. in Brasilien. Seitdem ist viel passiert: Flüchtlingskrise 2015, ein Jahr später, kurz vor der Fußball-Europameisterschaft, provozierte der damalige AfD-Vize Gauland mit dem Spruch: „Die Leute finden Jérome Boateng als Fußballspieler gut. Aber sie wollen ihn nicht als Nachbarn haben.“ Erinnert Ihr Euch? Da ging es gefühlt los, dass die Nationalspieler zum politischen Thema wurden. 2017 zieht diese elendige Volldeppen-Partei sogar in den Bundestag ein. Ein Armutszeugnis für ganz Deutschland. Und die zuletzt traurigen Ereignisse um den Tod der 14-jährigen Susanne werden geradezu genüsslich von der AfD für ihre rassistischen Botschaften genutzt. (Dazu übrigens unbedingt das hier lesen und anschauen.)

Machen wir uns nichts vor: Wir haben politisch eine komplett andere Situation in diesem Land als noch 2014. Das Deutschland-Fahnen schwenken weckt bei mir zumindest mitunter merkwürdige Assoziationen in diesen Tagen.

Und dann kommen tatsächlich die beiden türkischstämmigen Spieler Özil und Gündogan wenige Wochen vor WM-Start auf diese sensationell dämliche Idee, sich mit dem Despoten Erdogan ablichten zu lassen. Auch ich war fassungslos, als ich die Fotos sah. Man fragt sich schon, ob die beiden (bzw. deren Berater) noch irgendwelche andere Medien außer den „Kicker“ konsumieren. Scheinbar nicht. Ganz ehrlich: Ich hätte die beiden nach der Nummer zu Hause gelassen. Das. Geht. Gar. Nicht. Da sind andere Nationalspieler schon für weniger aus dem Kader geflogen.

MERKWÜRDIGES AUFRETEN DES DFB TEAMS

Damit kommen wir dann zum DFB, der in der Krisenkommunikation auch keine gute Figur gemacht hat. Totschweigen, Schönreden, Raushalten – so kann man das Verhalten der Verbandsspitze in der Causa Erdogan wohl zusammenfassen. Aber das passt durchaus zum Gesamtauftritt des DFB bei dieser WM, der sich in meinen Augen merkwürdig verschlossen, unnahbar, ja geradezu verkrampft präsentiert. So wurden bei Pressekonferenzen mal keine Rückfragen der Journalisten gestattet und bei vielen Trainingseinheiten darf nicht gefilmt werden. Stattdessen gibt es vom DFB vorselektiertes Videomaterial.

Hinzu kommt ein Auftreten, das ich als teilweise arrogant und unsympathisch empfinde. Es wird zwar davon gesprochen, dass die Gruppengegner nicht zu unterschätzen seien und man die Aufgaben sehr konzentriert angehen müsse, aber… Ich finde, es schwingt trotz dieser Aussagen von Spielern und Trainerstab IMMER irgendwie mit, dass man die anderen Teams nicht für voll nimmt und man gedanklich schon im Achtel-, wenn nicht sogar schon im Halbfinale ist (NACHTRAG: Dafür spricht ja auch diese Begebenheit). Oder geht es nur mir so? Alles kein Vergleich zu den Bildern und dem entspannten Auftreten vor vier Jahren aus Brasilien. Mir fehlt dieser Mix aus absolutem Willen, Fokussierung und Lockerheit bei der Mannschaft, den man 2014 regelrecht gespürt hat.

Und – ganz nebenbei – das Mannschaftsquartier in Watutinki wirkt auch nicht gerade so, als ob man es dort als Team 4-5 Wochen gerne aushält. Vor allem nicht, wenn man vier Jahre zuvor im Campo Bahia residiert hat…

Beim Spiel Deutschland gegen Mexiko laufen gerade die Schlussminuten. Es steht immer noch 0:1. Ich bin nicht allein mit meiner WM-Kritik, wenn ich mich so umhöre und -lese. Aber im Gegensatz zu Micky Beisenherz beispielsweise, hat sich bei mir selbst jetzt in der Schlussphase des deutschen Spiels bei 0:1-Rückstand kein WM.Fieber eingestellt. Ich spüre: Nichts.

Und zu guter Letzt noch ein völlig alberner Grund, der aber für mich tatsächlich auch eine Rolle spielt – Ihr werdet mich für bescheuert halten: Das deutsche Trikot ist potthässlich. Ein aufgewärmtes Design des 1990er Jerseys, mehr ist Adidas nicht eingefallen. Das ist langweilig, uninspiriert und in meinen Augen auch technisch schlecht umgesetzt (Typografie!). Da frage ich mich schon, wer das auf Herstellerseite, immerhin für das absolute Aushängeschild des deutschen Sports, durchgewunken hat. Wie sahen denn dann die anderen Designvorschläge aus, bitte?!

Das Spiel ist mittlerweile beendet. 0:1 verloren. Gespielt wie das Trikot aussieht: einfallslos und ohne Esprit. Passt ja alles zusammen. Oder: #ZSMMN, um im DFB-Sprech zu bleiben. Denn das durfte ja nicht fehlen: Ein bescheuerter Social Media-Hashtag.

Nicht meine WM. Und auch nicht die WM der deutschen Nationalmannschaft, wie es scheint.