Matthias meckert #8: Bohemian Rhapsody

Bohemian Rhapsody // Rami Malek Foto: Twentieth Century Fox. All rights reserved.

Einer meiner Vorsätze für dieses Jahr ist ja, dass immer freitags auf diesem Blog ein neuer Blogpost online gehen soll. Es ist Freitag, also: Here we go.

Noch Ende 2018 habe ich das Queen Biopic „Bohemian Rhapsody“ im Kino gesehen, und ich musste darüber auf jeden Fall noch schreiben. Vorweg: In diesem Text werde ich sicherlich einige Szenen spoilern. Wenn Ihr den Film also noch nicht kennt und ihn völlig unvoreingenommen anschauen möchtet, lest diesen Blog am besten erst danach. Vielleicht habt Ihr ja aber auch Interesse, von mir ein paar Macken des Films aufgezeigt zu bekommen, um dann im Kino besonders auf einige Szenen zu achten. Dann einfach weiter!

Mir fällt gerade auf: „Meckern“ ist vielleicht das etwas zu heftige Wort.„Bohemian Rhapsody“ hat mich durchaus über zwei Stunden unterhalten. Aber ich packe es trotzdem mal in diese kleine Serie mit rein. Denn ich bin doch etwas unschlüssig aus dem Kinosaal rausgegangen: Ja, ich habe mich absolut null gelangweilt. Ja, es war entertaining – aber es hat mich eben auch einiges gestört.

Was ich mir jetzt komplett schenke, sind die ganzen zeitlichen und inhaltlichen Fehler, die im Film auftauchen. Aus Regie-Sicht habe ich durchaus auch Verständnis, wenn man zugunsten der Dramaturgie etwas schiebt… okay. Wäre ich jetzt allerdings richtiger Queen-Fan, würde mich das wahnsinnig machen, denn es waren insgesamt schon recht viele Fehler, wie man zum Beispiel beim Rolling Stone nachlesen kann.

Bohemian Rhapsody // Gwilym Lee, Rami Malek
Foto: Twentieth Century Fox. All rights reserved.

Das Hauptproblem von„Bohemian Rhapsody“ ist, dass die beiden Bandmitglieder Brian May und Roger Taylor Mit-Produzenten des Films waren – und ganz offenbar zu viel reingeredet haben. Denn in meinen Augen sind ein paar Sachen in die Hose gegangen, die anders gelaufen wären, wenn eine komplett unabhängige Produktion den Film realisiert hätte.

ALLES IST ZU VIEL

Lasst mal einen Fotografen seine fünf besten Bilder auswählen. Das ist für den maximaler Stress, weil er sich schlichtweg nicht entscheiden kann. Er bewertet nämlich nicht nur das reine Bild, sondern auch, wie es entstand. Er kennt die Geschichte dahinter, die Rahmenbedingungen, unter denen er dieses Foto gemacht hat und die das Bild für ihn besonders machen. Und so geht ihm das bei jedem einzelnen Bild. Dieses „Auswahl-Problem“ kennt vermutlich jeder Künstler.

Und genau das ist meiner Meinung nach bei „Bohemian Rhapsody“ passiert: Es wurde nicht genug selektiert. Stattdessen hat man gefühlt einfach ALLES reingepackt, was die lange Bandhistorie von Queen so hergab. Dadurch enthält der Film Stories, die kein Mensch braucht und die für das große Ganze auch nicht wichtig sind.

Zum Beispiel wird in einer kurzen Sequenz erzählt, dass das bekannte „I Want To Break Free“-Musikvideo damals von MTV aufgrund des homosexuellen Touchs boykottiert und nicht gesendet wurde. Tja, komplett andere Zeiten, Mitte der 80er.

Ganz ehrlich: Ich konnte mich nur noch ganz dunkel an diesen damaligen Skandal erinnern und ich behaupte mal, dass es Euch nicht anders geht. Ist es also wichtig für den Film? Nein. Also raus mit der Szene.

Noch ein Beispiel: Das Gespräch mit dem Plattenboss, der den Song „Bohemian Rhapsody“ nicht als Single veröffentlichen wollte. Nachweislich gab es dieses Gespräch und diese Person nie. Die Szene hat nur den einen Witz, dass der Plattenboss von Mike Myers gespielt wird. Und Mike Myers wurde hauptsächlich bekannt durch die Hauptrolle im Film „Wayne’s World“, der wiederum eine legendäre Szene enthält. Nämlich diese hier:

In „Bohemian Rhapsody“ sagt er unter anderem: „Nobody will bang their heads to this song!“ Aber für diesen einen Gag, den die meisten im Kino vermutlich gar nicht verstanden haben, plus der Tatsache, dass die ganze Geschichte komplett ausgedacht ist, ist diese Szene definitiv zu lang. (Ich konnte sie ja nicht zeitlich messen, aber im Film geht sie auf jeden Fall über mehrere Minuten.)

Klar, ich rede über sieben Minuten hier, vielleicht drei kurze Minuten dort. Summiert ergibt sich aber eine relativ große Menge an Zeit, in der man andere, wichtigere Momente wesentlich intensiver und emotionaler hätte darstellen können. Das wurde in meinen Augen vermasselt.

THAT’S NOT FREDDIE, THAT’S NOT QUEEN

Das Ziel von den Produzenten war, die Altersfreigabe FSK 6 für „Bohemian Rhapsody“ zu bekommen. Es sollte ein Film für die ganze Familie werden. Und das ist er auch geworden. Das Problem, das ich damit habe: DAS ist nicht Freddie Mercury und DAS ist nicht Queen.

Mercury war ein überaus begabter Sänger mit einer der beeindruckendsten Stimmen der Rockgeschichte – aber laut Angaben aller Weggefährten und Musikerkollegen (unter ihnen selbst zahlreiche Schwerenöter) der maßloseste und exzessivste Star von allen. Mercury sprengte mit seinen Ausschweifungen sogar im völlig verruchten Musikbusiness der 70er und 80er Jahre alle Grenzen.

In dem seriösen Buch „Freddie Mercury“ (2016 in Deutschland bei Piper erschienen, direkt zum Buch auf Amazon mit Klick aufs Bild) von der Biografin Lesley-Ann Jones wimmelt es auf mehr als 400 Seiten von ähnlichen Anekdoten wie jener von einem israelischen Prostituierten namens Patricio, der mehrfach Gast auf Mercurys Privatpartys war. So auch 1985, als Queen auf ihrer „The Works“-Tournee Station in Rio de Janeiro machte, Mercury die Nächte durchfeierte und sich zu diesem Zweck von seinem Manager Paul Prenter jede Menge Alkohol, Kokain und Männer auf seine Präsidentensuite des Copacabana Palace Hotels bringen ließ:

„Die Jungs, die ausgewählt worden waren, besuchten Freddie in seiner luxuriösen Hotelsuite mit Ausblick über den Swimmingpool. (…) Erst tranken wir, dann schnupften wir Kokain. Es gab da einen kleinen Holztisch, auf dem die Lines gelegt waren, alles war vorbereitet. Dann zogen wir uns aus und betraten Freddies Zimmer, wo er uns im Morgenmantel empfing. Paul (Prenter) blieb währenddessen immer angezogen. Freddie hatte der Reihe nach mit allen Sex, vor den Augen der anderen. Wenn Freddie müde wurde, bezahlte uns Prenter und bat uns zu gehen.“

So ein Leben ab 18 lässt sich nicht in einen familienfreundlichen Kinofilm pressen. Dazu passt auch die Story, dass man sich mit dem ursprünglich vorgesehenen Mercury-Darsteller Sasha Baron Cohen (kennt man bspw. aus „Borat“) nicht einig wurde, weil Cohen der Meinung war, die exzessive Seite des Sängers dürfe nicht ausgespart werden. Dies missfiel wohl aber den beiden in die Produktion involvierten Bryan May und Roger Taylor, die offenbar einen möglichst „glatten“ Film haben wollten. Und dabei haben die Zwei die Eigendarstellung vielleicht etwas übertrieben, denn es ist schon auffällig, wie zahm May und Taylor in „Bohemian Rhapsody“ dargestellt werden. Man könnte meinen, sie wollten Ärger mit ihren Ehefrauen zu Hause vermeiden.

Tatsächlich hat aber nicht nur Mercury, sondern die gesamte Band Queen in den 70er Jahren neue Partymaßstäbe in der Szene gesetzt. Lesley-Ann Jones beschreibt unter anderem die Halloween-Party der Band im Rahmen ihrer US-Tour im Jahr 1977:

„Der Ballsaal eines Hotels wurde zu einer schwülen, üppig wuchernden Sumpflandschaft umgestaltet, in der es von Zwergen und Drag Queens, Feuerspuckern, Schlammcatcherinnen, Stripperinnen, Schlangen, Steel Bands, Voodoo- und Zulu-Tänzern, Huren und Groupies nur so wimmelte, von denen manche unvorstellbare und wahrscheinlich höchst illegale Handlungen an sich und anderen vornahmen – alles in bester Sichtweite der Partygäste. Ein Model wurde auf einem Tablett mit roher Leber hereingetragen, andere schlängelten sich in Käfigen, die von der Decke hingen. Dieser Irrsinn bescherte Queen weltweite Schlagzeilen und bestätigte einmal mehr ihren Ruf als verdorbenste Partyhengste des Rockgeschäfts.“

Davon sieht man in dem Film: Nichts. Es gibt nur vage Andeutungen von berauschenden Partys, Drogenkonsum und homosexuellem Blümchen-Sex. Und das nimmt der Legende Queen/Mercury einfach zu viel von ihrer Magie.

PEINLICHSTE SZENE

Und dann war da noch die nun wirklich absurdeste Szene aus dem ganzen Film. Es geht um den Moment, in dem Mercury seinen Bandkollegen von seiner HIV-Erkrankung erzählt. Im Film passiert das quasi kurz vor dem Live Aid-Konzert bei einer Bandprobe. Tatsächlich hat das aber erst später stattgefunden. Wann genau lässt sich aber offenbar nicht mehr genau nachvollziehen.

Die Szene läuft in etwa so ab, achtet mal drauf: Freddie kommt zur Bandprobe rein und sagt: „Hey Jungs, ich muss euch etwas sagen: Ich habe AIDS.“ Alle gucken etwas bedröppelt. „Ach, Scheiße, Freddie, das ist ist echt Mist“ und dann nehmen sie ihn und sich alle in die Arme. Fertig. Schnitt.

Ich war natürlich nicht dabei, aber ich bin mir absolut sicher, dass es SO nicht ablief. Man muss sich einfach klarmachen, dass AIDS Mitte der 80er noch völlig neu und nahezu unerforscht war. Der SPIEGEL titelte 1983: „Eine Epidemie, die erst beginnt.“ Damals war die Angst vor einer Ansteckung allein durch Körperkontakt wesentlich höher war als heutzutage.

Darüber hinaus war eine HIV-Infektion in den80ern gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Es gab schlichtweg keinerlei Medikamente dagegen und von der Diagnose dauerte es bis zum Tod oft nur wenige Monate. Mit anderen Worten: Als die Band diese Nachricht erfuhr, muss es in den Köpfen auch um die gesamte Existenz der Band gegangen sein. Im Film wirkt es aber so, als hätte Mercury ihnen gesagt, dass er eine Grippe hat und beim nächsten Konzert leider nicht singen kann.

Bitte korrigiert mich, wenn Ihr das anders seht, aber aus den eben genannten Gründen empfand ich die komplette Szene als total unrealistisch.

DAS AUFGEMOTZTE ENDE

Der Film endet mit dem Queen-Auftritt beim Live Aid-Konzert 1985 (siehe Video), der als eine der besten Live-Performances aller Zeiten gilt. Zum Verständnis (denn ich hatte es im Kino nicht kapiert, sondern erst später gelesen): Sie haben in „Bohemian Rhapsody“ die komplette, rund 25-minütige Show von Queen im Wembley-Stadion noch einmal nachgedreht, in original Länge, jeden Song, jede Pose – alles 1:1. Wie unfassbar detailliert die das hinbekommen haben, ist durchaus faszinierend (achtet mal bei dem Video besonders ab Minute 2:38 drauf!).

Mit allerlei Special Effects wurden diese Massen an Zuschauern am Computer erzeugt, der Hauptdarsteller hat fast jede einzelne Geste sekundengenau kopiert und irgendwo habe ich gelesen, dass sie auch die Songs für diese Sequenz mit einem Stimmenimitator komplett neu aufgenommen haben.

Ich frage mich nur: Warum das alles?

In meinen Augen hätte man doch einfach die original TV-Aufnahmen von Live Aid hinten dran schneiden können. DAS wäre es doch gewesen zum Ende des Films: Noch einmal den echten Freddie auf der Leinwand, das Konzert so wie es damals war – nicht technisch aufpoliert und dramatisch geschnitten in Ultra HD. Wäre für mich und die anderen Nostalgiker im Kino sicherlich das NOCH emotionalere Ende gewesen. Einzige Erklärung, die ich hierfür gelten lassen würde, wäre, wenn sie schlichtweg die Rechte an dem Bildmaterial nicht bekommen haben. Ansonsten hätte man sich den ganzen CGI-Aufriss sparen können.

Genug gespoilert. Solltet Ihr „Bohemian Rhapsody“ erst noch sehen wollen, habe ich jetzt eh schon genug verraten. Aber vielleicht achtet Ihr jetzt mehr auf diese Szenen und erzählt mir hier in den Kommentaren, wie Ihr ihn fandet. Wie schon erwähnt: Der Film unterhält, ich habe mich nicht gelangweilt. Wesentlich spannender hätte ich ihn allerdings empfunden, wenn Brian May und Roger Taylor ihre Hände ein bisschen weniger* im Spiel gehabt hätten.

* gar nicht

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