Eine Geschichte vom Scheitern

Im Internet im Allgemeinen und auf Social Media im Speziellen ist es ja so: Man möchte sich möglichst geil präsentieren. Ich kann mich davon gar nicht freisprechen. Natürlich zeige und sehe ich mich auch lieber in „Siegerpose“ statt beim Auf-die-Schnauze-fallen. Aber zum (Arbeits-)Leben gehören neben den Ups eben auch die Downs. Dann tut es zwar weh, aber manchmal auch gut, sich einzugestehen, dass etwas so richtig in die Hose gegangen ist. So, wie ich es neulich erlebt habe. Hier ist meine kleine (aber lange) Geschichte vom Scheitern.

DIE VORGESCHICHTE

Ende September wurde ich von einer kleinen Produktionsfirma für ein eigentlich banales Projekt angefragt: Ein kleiner Unternehmensfilm für einen konzerninternen Innovationsaward. Ich sagte zu, weil der Auftraggeber meine Idee toll fand, kein 08/15-Corporate Video, sondern etwas Skurriles, etwas Überraschendes zu machen, was sich der Zuschauer gern mehrmals anguckt und sich definitiv von den anderen Einreichungen abheben wird. Es gab dabei einen entscheidenden Unterschied zum ursprünglich angedachten 08/15-Video: Wir brauchten einen Schauspieler für die Sprechrolle des „Start-up-Chefs“. Und damit begannen ungeahnter Weise alle Probleme.

Für ein richtiges Casting war nicht wirklich Zeit. Ich kontaktierte der Reihe nach Leute, die ich mir gut für die Rolle vorstellen konnte, postete etwas auf Facebook (für sowas ist diese scheiß Plattform ja doch leider noch gut…), schaute mir Showreels und Vitas an – aber kassierte aufgrund der etwas kurzfristigen Planung und des fixen Drehtermins lauter Absagen. Nach einer ersten kleinen Panikattacke, fand ich dann doch jemanden, der vom Typ her super zur Rolle passte. Erfahrungen in Sprechrollen hatte er auch zu genüge. Check!

Der Dreh war an einem Freitag geplant. Am Mittwoch vorher bekam er den Text von mir, wir telefonierten sogar noch zwei Mal im Laufe des Tages, um Fragen zu klären. Alles prima, CU on Friday!

Und dann sagte er urplötzlich ab. Abends um 19.30 Uhr. Per E-Mail. Also rund 36 Stunden vor Drehbeginn. Ich las diese E-Mail gegen 20.30 Uhr. Keine Chance, abends noch etwas zu regeln. Erstmal schlafen und morgen früh mit frischem Kopf ran ans Werk.

Am Donnerstag durchforstete ich dann nochmal alle Bewerber, denen ich bereits abgesagt hatte. Vielleicht ist ja doch noch einer dabei, den man im Notfall (der schon lange eingetreten war!) doch nehmen könnte. Ich fand einen Kleindarsteller aus Hamburg, der schon ein paar kleine Werbespots gespielt hatte, sogar mit Sprechrollen. Vom Look her nicht das, was ich mir vorgestellt hatte, aber brauchbar, wenn man die Rolle etwas anders interpretiert. Wir telefonierten. Ein lustiger, lockerer Typ.

Ich fragte ihn, ob er sich die Rolle und die Menge an Text zutraut. Er bejahte, machte einen sympathischen Eindruck und ich hatte durchaus ein gutes Gefühl. Und da ich schon oft nach Gefühl gecastet habe und mich meine Menschenkenntnis wirklich selten im Stich lässt, habe ich ihm zugesagt. Das hätte ich besser nicht getan. (Anmerkung: Der Schauspieler auf den hier zu sehenden Fotos ist NICHT der, von dem ich im Folgenden berichte!)

DER DREH

Mir war klar, dass unser Schauspieler nicht wirklich Zeit hatte, den komplizierten Text mit speziellen Fachbegriffen zu lernen. Allerdings musste pro Einstellung nur maximal zwei Sätze am Stück fehlerfrei in die Kamera gesprochen werden. Nach jeder Einstellung mussten wir eh umbauen, und es war somit Zeit, die nächsten 1-2 Sätze zu lernen. So jedenfalls meine Gedanken.

Es fing holprig an. Man merkte ihm die Nervosität an. Die ersten Sätze kamen etwas unrund rüber. Als ich um mehr Betonung, Selbstbewusstsein und mehr „Power“ in der Stimme bat, riss er plötzlich beim Reden ständig die Augen auf, was auch die Stirn komplett in Falten legte. Wir brauchten bestimmt 15 Minuten, bis wir das wieder wegtrainiert hatten. Text war also schwierig – kombiniert mit meinen Regieanweisungen für Mimik und notwendige Gesten wurde es noch schlimmer. Wir brauchten für die erste Einstellung mit zwei Sätzen locker 30 Takes, bis etwas Brauchbares im Kasten war. Die zweite Einstellung ging dafür überraschenderweise recht flott. „Okay“, dachte ich, „typische Anfangsnervosität. Jetzt wird es zunehmend lockerer und besser.“

Es wurde nicht besser. Während wir diese ersten beiden Szenen noch in einem extra Büro mit unserem kleinen Team drehen konnten, spielte Szene Nr. 3 im Großraumbüro des Auftraggebers. Die Komparsen und neugierigen Zuschauer, also die Mitarbeiter des Auftraggebers, machten unserem Darsteller sichtbar zu schaffen. Eh schon nicht mit der größten Selbstsicherheit vor der Kamera ausgestattet, setzte er sich nach jedem Fehler zusätzlich wahnsinnig unter Druck. Er brachte die Sätze und Wörter teils komplett durcheinander und wir brauchten wieder 30-40 Takes für 1-2 halbwegs gelungene Durchgänge. So quälten wir uns durch das Storyboard und den Tag – und verloren jede Menge Zeit.

Nach der Mittagspause entwickelte sich schleichend und zunächst von mir unbemerkt ein weiteres Problem: Die Kamera (für die Experten: Eine RED) stürzte hin und wieder ab. Die einzige Lösung war das Reseten und erneute Booten der Kamera. Und das so oft wiederholen, bis sie irgendwann wieder lief. Das konnte nach fünf Versuchen der Fall sein oder auch erst nach zehn. Die Abstürze nahmen im Laufe des Nachmittags zu und wiederholten sich dann etwa alle 10-15 Minuten. Das sorgte für a) zusätzlichen Zeitverlust, b) Schweißausbrüche beim Kameramann und c) einen noch unruhigeren Schauspieler durch störende Pausen. Ich übte mit ihm einzelne Textpassagen alleine in einem Büro, sprach ihm Mut zu. Es half alles nichts.

Die einzelnen Takes machten immer weniger Sinn. Man merkte, dass unser Schauspieler den kompletten Sinn eines Satzes gar nicht mehr aufnehmen konnte. Vor lauter Unsicherheit hangelte er sich nur noch von Wort zu Wort. Und so klang es eben auch. Unser Zeitkonto war irgendwann so überzogen, dass es draußen allmählich dunkel wurde, was man auch in den Fenstern sehen konnte. Wir waren aber noch längst nicht fertig. Bedeutet: Die Szenen passen vom Licht später nicht mehr zueinander.

Man muss sich das vorstellen: Eine Kamera, die nicht mehr richtig funktionierte, ein entnervter Producer und Kameramann und ein völlig verunsicherter und verkrampfter Schauspieler, der irgendwann keine drei Worte mehr fehlerfrei am Stück sprechen konnte. Irgendwann stand ich nur noch mit einem völlig irren Grinsen im Gesicht am Set rum. Im Ernst: Ich glaube, ich habe zu dem Zeitpunkt schon nach Lösungen gesucht, wie man aus der Nummer irgendwie noch rauskommt. Der Dreh war verkorkst. Punkt.

DIE AUFGABE

Kurz vor 17 Uhr gab die Kamera endgültig ihren Geist auf. Nichts ging mehr. Das galt mittlerweile für die gesamte Produktion, nur wollte sich das noch keiner eingestehen. Der Kameramann besorgte in Windeseile vom Verleih eine Ersatzkamera für die vermeintlich letzten Szenen, die – wie sich später herausstellen sollte – AUCH einen technischen Fehler an der Optik hatte. Aber das nur als Randnotiz.

Mir war klar: Das wird nichts mehr. Nicht unser Tag. Die defekte Kamera war für mich zu dem Zeitpunkt eigentlich eher ein willkommener Anlass, die Produktion vorzeitig abzubrechen. Zum ersten Mal in meiner Laufbahn.

Ich rief alle zusammen, auch den Auftraggeber, um Tacheles zu reden. Wir hätten noch drei Szenen drehen müssen. Nur noch drei. Aber beim Gesamtzustand des Teams wären wir damit locker bis 23 Uhr oder länger beschäftigt gewesen. Das machte keinen Sinn. Ich sprach alles offen an: Die Probleme mit der Technik, mit der Zeit und auch mit der schauspielerischen Leistung. Selbst wenn wir uns entschlossen hätten, den Dreh aus Budget- und Zeitgründen noch irgendwie durchzurocken, es wäre längst nicht der Film geworden, den wir gern machen wollten – und den wir dem Kunden versprochen haben.

Es war klar, dass wir an einem anderen Tag weiterdrehen müssen. Als diese Entscheidung getroffen war, stellte sich für mich die Frage, ob wir das auch in dieser Zusammenstellung tun sollten. Denn: Wenn wir eh nochmal antanzen müssen, können wir auch gleich alles neu drehen – mit einem anderen Schauspieler. Das war hart, aber es half in der Situation nichts, Heißbrei zirkulierend herumzureden. Ich sagte ihm, dass ich leider nicht glaube, dass er den Text sauber in die Cam kriegt, selbst wenn er jetzt 3-4 Tage zur Vorbereitung bekäme. Dafür fehlte ihm einfach die Erfahrung mit solchen Texten. Er stimmte mir erschöpft und etwas kleinlaut zu.

Ich möchte hier noch einmal betonen, dass ich nicht wirklich sauer auf ihn bin/war. Er war nur der Notnagel. Er ist kurzfristig eingesprungen und hat alles versucht, um uns aus der Klemme zu helfen. Ich habe wegen der kurzfristigen Absage und aus Zeitgründen einen Fehler gemacht, weil ich mich auf meinen Instinkt verlassen habe. Den einzigen Vorwurf, den ich ihm machen kann: Er hätte mir sagen müssen, dass er sich das nicht zutraut. Denn das hat er mit Blick auf die Textmenge unter Garantie gewusst und gespürt.

Und der Auftraggeber? War cool. Verständnisvoll und völlig ruhig. Er und sein Team haben gemerkt, dass wir unser Bestes geben, aber wegen Schauspieler und Technik nicht wirklich ans Ziel kommen. Okay, wir waren uns einig, für heute abzubrechen, am Wochenende alles mal zu verarbeiten und dann am Montag mit klarem Kopf zu entscheiden, wie – und wann – wir weitermachen.

DAS HAPPY END

Spätabends schrieb mir der Schauspieler noch eine SMS, in der er sich für seine Leistung erneut entschuldigte. Ich antwortete.

Aber selten habe ich ein Wochenende so sehr zum Verarbeiten und Runterkommen gebraucht wie dieses. Am Montag zog sich der Schauspieler von sich aus vom Dreh zurück, er sei ausgebrannt und überfordert mit dem Job. Damit hatte ich allerdings schon gerechnet und mein Plan war ohnehin, es mit einem neuen Mann zu probieren. Ich ging den Dreh neu und positiv an, bekam glücklicherweise über einen Bekannten schnell den Kontakt zu einem wirklich guten Typen und erfahrenen Schauspieler und nur eine Woche später standen wir wieder im Büro des Auftraggebers.

Alles auf Anfang, alles von vorne – aber diesmal mit einem guten Ende. Dank der Professionalität von Schauspieler Rhon (Foto), der Top-Arbeit von Patrick an der Kamera und den helfenden Händen der tollen Mitarbeiter konnten wir doch noch den Film realisieren, den wir alle im Kopf hatten. Und ein bisschen was habe ich möglicherweise auch dazu beigetragen.

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