Einer meckert immer mehr

Photo by Jorge Fakhouri Filho from Pexels

Sorry, sorry, sorry kann ich nur sagen. Und zwar für den folgenden Trash. Aber ich konnte nicht anders. Nachher wird es (hoffentlich) noch lustig, also haltet durch. :) Es geht nämlich diesmal tatsächlich um „den Wendler“. Der Schlagersänger hat ja in den ersten Wochen des Jahres schon ordentlich abgeliefert – vor allem Stoff für die Klatschpresse. Highlight war dabei ohne Zweifel die Instagram-Story seiner Freundin Laura Müller (Wer es nicht gesehen hat: Hier klicken. Reicht, wenn Ihr es Euch ab Minute 2:00 anschaut.)

Auf die Idee zu diesem Blogpost bin ich allerdings schon im Dezember 2019 gekommen. Da lief nämlich eine sehr, sehr lustige Folge der Auswanderer-Dokuserie Goodbye Deutschland auf VOX mit dem Wendler und Laura. Dafür schalte ich den Fernseher nicht extra ein, aber beim Rumzappen bleibe ich da durchaus mal hängen, weil ich mich immer wieder schlapplache über diese Loser, die nix auf die Kette jedes Mal irritiert bin, wie leicht sich einige Bürger das Auswandern vorstellen. Doch, ja, geiles Format. Kann ich nicht anders sagen.

Aber kommen wir zur Sache: Ich war amüsiert und erschüttert zugleich über das irgendwie völlig absurde Pärchen. Ein Artikel auf stern.de fasst diese Folge sehr schön und treffend zusammen.

Was mich aber am meisten triggerte: In der VOX-Doku wurde gezeigt, wie der Wendler mit seiner Freundin zusammen ein Musikvideo zu seinem neuen Song dreht. Okay, er hatte mich: Ich MUSSTE (Fett und Großbuchstaben! Und noch dieses Ausrufezeichen: !) wissen, wie denn das Endresultat dieses Drehs aussah und schaute mir tatsächlich noch nachts um 1 Uhr auf YouTube ein paar Wendler-Musikclips an. Und das war sehr unterhaltsam.

Dabei kam mir der Gedanke: Man müsste eigentlich mal die Wendler-Musikclips unter professionellen Gesichtspunkten auseinandernehmen. Also, habt Ihr Lust? Here we go.

PROFI OR NOT PROFI, THAT’S THE QUESTION

Okay, die Videos sind nicht professionell produziert, das weiß der Wendler selbst. Wie bei „Goodbye Deutschland“ zu sehen ist, filmt ein Kumpel den Clip – Achtung – mit seinem Smartphone. That’s all. Kein Team, kein Regisseur, keine richtige Technik. Deshalb wäre es jetzt natürlich unfair, sowas mit einer Profi-Videoproduktion zu vergleichen. Für die Zwecke, die der Wendler damit verfolgt, reicht es vermutlich auch, denn viele Zuschauer werden gar keinen großen Unterschied zu professionellen Videos ausmachen können.

Ich werde nie vergessen, wie ich mal vor Jahren einem damaligen Kunden minutenlang den Unterschied zwischen billigem Video-Look à la „Lindenstraße“ und Hollywood-Filmen erklären wollte. Er antwortete irgendwann entnervt:

Matthias, ich sehe: Bewegte Bilder, bunt.

Mir geht es in meiner kleinen Analyse um generelle Sachen wie das Setting, die Kamera-Einstellungen, das Umsetzen einer Story, die Bilder, Posen und auch Schnitte etc.

Oder in kurz: Wie inszeniert sich der Wendler in seinen Videos? Und was könnte er – in meinen Augen – mit einfachen Mitteln besser machen?

Jetzt also das Video, welches eben in dieser erwähnten VOX-Folge gedreht wurde. Ich bette das Video hier ein, gebe einen kurzen Überblick, wie der Clip aufgebaut ist und schreibe im weiteren Verlauf immer zu den Minuten/Sekunden-Angaben meine Anmerkungen. Los geht’s.

DER AUFBAU

Song: „Einer liebt immer mehr“

Setting: Reifenwerkstatt

Story: Klimawandel-Ignorant in der Midlife-Crisis verknallt sich in Werkstatt-Lolita

Hauptcharaktere: Der Wendler, ein Teenager-Mädchen, ein Pick-up-Truck (Moment, ist das nicht das Ding, das… Na, egal…) und Reifen, Reifen, Reifen.

Einstellungen: Insgesamt 6 Stück: Wendler auf Reifenstapel; Wendler am Container; Laura auf Motorrad, Wendler geht durch Reifenstapel; Wendler und Laura mit Pick-up; Laura an der Motorhaube

DIE ANALYSE

0:01 // Geil. Beginnt gleich mit einem Glow-Effekt. Setzt man häufig ein, wenn man Glamour-hafte Bilder mit Bling-Bling unterstreichen möchte. Gut, wir sind hier zwar auf einem Werkstattgelände, aber hey! Dazu eine merkwürdige Unschärfe oder halt ein Weichzeichner, wie man ihn sonst nur von David Hamilton in „Bilitis“ kennt. Vielleicht hat der Wendler-Kumpel allerdings auch nur mit seinen Fettfingern aus Versehen auf die Linse des Smartphones getatscht.

0:08 // Oh Mann, warum denn im Unterhemd…?! Michi, ich bin auch nicht mehr so trainiert wie früher, deshalb darf ich das sagen: Muscle-Shirts nur, wenn man auch den entsprechenden Oberkörper hat! Bitte! Das sieht nämlich nicht cool aus, sondern einfach nur ein bisschen asi. Und zumindest ein paar Liegestütze direkt vor dem Dreh hätten der Szene (und Deinen Oberarmen) wirklich gut getan. Zum Oberarm-Tattoo erspare ich mir einen Kommentar.

0.13 // Okay, ich denke, es sind doch die Fettfinger gewesen. Denn: links verwaschen, rechts scharf. Das macht natürlich keinen Sinn und KANN nicht gewollt sein.

0:21 // Ich liebe dieses typisch schlager-eske Kopfnicken am Ende.

0:20-0:24 // Tja, vier Sekunden ohne Gesang können in einem Musikvideo ganz schön lang sein, was? Da wäre es natürlich schön gewesen, auf diesen interessanten Sound dazwischen noch irgendwelche Schnittbilder zu legen, die ganz ausnahmsweise mal nicht den Sänger zeigen (Verrückte Idee, ich weiß.). Stattdessen sieht man Wendler wie so’n Pfund Butter in der Sonne auf den Reifen rumhängen. Haltung. So wichtig heutzutage. Überall.

0.22-0:29 // Wow. Und genau diese Totale geht dann auch noch rund sieben Sekunden lang. Gefühlt eine Ewigkeit. Zu lang, keine Diskussion.

0:33 // Warum schwenkt denn der Kumpel immer auf den Reifenstapel im Hintergrund?! Ja, okay, die „Drittel-Regel“ der Bildgestaltung und so. Aber: Es sieht halt immer leicht blöd aus, wenn sich das Hauptmotiv (Der Wendler. Nicht der Reifenstapel!) quasi aus dem Bild dreht. Versteht Ihr? Der Wendler ist schon ganz links am Bildrand – und ist zusätzlich noch nach links (sein Rechts) gedreht. Ergo: Man müsste Wendler entweder umdrehen, oder ihn halt mehr rechts im Kamerasucher halten. Aber so wird das Auge eben mehr auf den Reifenstapel gelenkt. Auch schön.

0:36-0:38 // Uih, zwei Schnitte innerhalb von zwei Sekunden. Nach dem bisherigen Schnitttempo muss sich mein Auge an diese neue Geschwindigkeit erstmal gewöhnen.

0:39 // Bisher die beste Bildgestaltung. Da finde ich den Container gut, die Pose am abgeranzten Tor ist okay und wenn man eine bessere Kamera genutzt hätte, wären die Reifen im Hintergrund schön unscharf geworden. Leider fand Michi dieses Bild offenbar auch so toll, dass er es komplett über fast 14 Sekunden (!!) ohne Schnitt laufen lässt. Damit machen diese zwei schnellen Schnitte direkt vor dem Refrain wieder keinen Sinn. Ach, es ist zum Haare raufen! Übrigens auch wieder der Glow-Effekt auf dem weißen Asi-Shirt. Aber das Thema hatten wir ja schon.

0:56 // Endlich Titten. Dazu noch in Slow-Motion. Baywatch-Fans erinnern sich. Was will man(n) mehr?! Und natürlich wieder Glow-Effekt, bitte. Hatten wir ja lange nicht.

1:05 // Okay, ganz ehrlich: Uns ist allen klar, was diese Szene im Grunde nur zeigen soll – also warum noch so viel unnötiges Schnickschnack von der Werkstatt außen rum?! Ein schönes, klares Close-up wäre doch auch passend gewesen.

1:10 // Sagen wir mal so: Das Shirt fällt halt etwas unvorteilhaft im Bauchbereich *hust*. Die Szene hätte ich weggelassen. Man muss nämlich nicht JEDES Bild von sich reinschneiden, Michi. Glaub‘ mir.

1:24 // Völlig natürliche Haltung, wenn man seine Maschine vorne (!!) putzt. Absteigen und einfach an die betreffende Stelle gehen wäre zu simpel. Aber so ein paar künstliche Lens Flares in der rechten Ecke machen halt aus allem Kunst.

1:28 // Jetzt wird es interessant. Die „Story“ beginnt quasi. Der Star: Das Auto. Zumindest könnte man das denken, weil das Bild so lange auf dem Pick-up-Truck bleibt. Was fehlt: Ein Zwischenschnitt ausnahmsweise mal auf das Gesicht von Laura.

Übrigens ist das für meinen Geschmack ein bisschen zu spät, diese Story erst nach fast 1:30 Minuten zu starten. Das müsste alles früher eingeleitet werden, dann könnten die beiden „Erzählperspektiven“ Gesangs- und Storybilder auch parallel nebeneinander herlaufen. So sieht man in der ersten Minute nur den Wendler.

1:33 // Kühlergrill okay. Die Lens Flares braucht aber kein Mensch. Leider etwas faul aus dem Stand, also perspektivisch von oben runter gedreht. Imposanter ist das Bild eines ankommenden Autos in so einem Fall aber immer, wenn man etwas von unten hoch filmt, zum Beispiel noch mit einem Vorderreifen groß im Bild. Achtet mal in den Hollywoodfilmen drauf.

1:35 // Ich kann mir nicht helfen: Die Körper- oder Kopfhaltung finde ich merkwürdig. Irgendwie so leicht gebückt.

1:45 // Es gibt schönere Einstellungen. Selbst in diesem Video. Aber an dieser Bildgestaltung stimmt nun wirklich gar nichts: Im Hintergrund ein Pick-up-Truck und ein Boot. Links noch etwas von der Motorhaube des wendlerischen Pick-up-Trucks. Mittig Laura mit Motorrad, dazwischen er noch reingequetscht. Füße und Motorrad angeschnitten, dafür unnötig viel Himmel.

Aber auch mal ein Lob: Weißes Hemd und Jeans geht halt immer, auch beim Wendler. Sieht doch super aus bei ihm! Warum bloß diese Unterhemd-Nummer, Herrgottnochmal?!

1:47 // Und jetzt mal eine inhaltliche Frage: Wen spielt er denn jetzt in dieser „Story“? Eben noch der smarte Typ im Hemd mit dem dicken Auto, jetzt den KfZ-etti in seinem Asi-Shirt. Was denn jetzt? Sorry, wenn ich da vielleicht etwas kleinlich bin, aber das ist eben das inhaltliche Problem, wenn man den selben Typen in der selben Location filmt – aber in völlig unterschiedlichen Outfits.

Wer liebt denn nun wen (oder was) mehr, ey?! Laura den Wendler, okay, das wissen wir ja seit der Insta-Story. Und sonst? Der Wendler den Pick-Up-Truck? Oder etwa… sich selbst?

1:56 // Autsch, der Schnitt tat weh. Warum? Weil die Einstellungen zu ähnlich sind. In etwa die gleiche Größe, gleicher Bildausschnitt mit der gleichen Person im Fokus. Das hätte man ganz einfach auch wieder mit einem kleinen Zwischenschnitt retten können. Zum Beispiel eine Nahaufnahme von ihren Händen, die die Motorhaube aufmachen. Oder von ihren Titten, das geht natürlich auch immer klar.

2:22 // Das gilt auch für den Schnitt von 2:22 auf 2:23: Zu ähnlicher Bildausschnitt. Man muss einfach mal zwischen den verschiedenen Einstellungsgrößen (Totale-Halbtotale-Halbnahe-Nahe) wechseln. Aber es gibt einen Fleißpunkt für den coolen Arm-Hand-Move. That’s so Schlager!

Nein, das war ein Witz. Dieses Posing passt halt in meinen Augen null da rein. Es passt weder zum Setting, noch zu seiner Rolle, einen kleinen Werkstatt-Arbeiter. Anderes Setting, andere Klamotten, anderes Bild – meinetwegen. Aber nicht hier. Das Gefühl dafür geht ihm einfach ab.

Photo: Herb Ritts

2:25 // Oben seht Ihr das ikonische Foto vom bekannten Fashion-Fotografen Herb Ritts, das der Michi vermutlich im Kopf hatte, als er die Idee für diese Szene mit den Reifen hatte. Na ja, und bei 2:25 seht Ihr, wie das dann mit dem Wendler aussieht. Aber hey: Glow!

2:44 // Nach einem quälend langen Part ohne Gesang, ohne Gitarrensolo und ohne wirklich schöne Bilder, muss man dem Zuschauer selbstverständlich mal wieder was Geiles zeigen. Was könnte man da bloß nehmen? Richtig.

2:45 // Motorhaube schließen in Slo-Mo? Warum? Und dann die letzten paar Sekündchen plötzlich wieder in Normalgeschwindigkeit abzuspielen… Versteh‘ ich alles nicht.

3:04 // Okay, authentisch. Aber man hätte natürlich auch die schmierigen Fingerabdrücke auf der Motorhaube mal abwischen können.

3:17 // Der Glow-Effekt auf dem Unterhemd macht mich fertig.

3:23 // Nochmal zum Thema Bildgestaltung: Wir sehen ganz am linken Bildrand Laura, ganz am rechten Bildrand den Wendler. Und in der Mitte, also da, wo das Auge automatisch immer als Erstes hinguckt? Eine riesige schwarze Motorhaube.

3:29 // Das Schließen der Gittertür – durch die man durchschlüpfen oder drüber hinwegklettern kann – soll irgendein symbolisches Bild sein, oder? Aber welches?

3:33 // Ach. Und ausgerechnet in einer Szene, wo ein Zeigen des Laura-ischen Ausschnitts fast sogar unvermeidlich gewesen wäre und geradezu natürlich gewirkt hätte,  da schneiden sie das Bild oben ab, oder was? Und nochmal kurz zum Inhaltlichen: WAS genau hat unser Protagonist gemacht, damit er von dem Mädel die Nummer bekommt? Ich meine, da war ja nix vorher: Keine Blicke, kein Flirt. Er kam vorgefahren, sie macht die Motorhaube auf und schraubt etwas rum – fertig. Man ahnt, was für eine kleine Love-Story Michi, der kleine Schwerenöter, im Kopf hatte, aber sie wird halt filmisch nicht eingefangen.

3:35 // Das Ende verstehe ich auch nicht wirklich. Die quatschen halt einfach miteinander. Die Szene hat aber null Atmosphäre und ist deshalb auch kein wirklich schönes Endbild. Kitschiger – aber auch emotionaler – wären beispielsweise ein paar Nahaufnahmen von den Augen mit verliebten Blicken der beiden gewesen. Generell scheint der Wendler und/oder sein Smartphone-Kumpel kein Fan von Nahaufnahmen zu sein. Die fehlen nahezu komplett in dem Video.

Insgesamt also ein ziemlich hingerotztes Ding – auch für so eine No Budget-Produktion. Es wirkt auf mich fast so, als brauchte man diesen Videodreh vornehmlich nur als Geschichte innerhalb der VOX-Doku und erst in zweiter Nutzung für den Musikclip. Da man das gefilmte Material dann ohnehin auf dem Smartphone hatte, hat man daraus halt noch das Video geschnitten.

Wenn Ihr Lust habt, kann ich ja mal demnächst schauen, was die anderen Wendler-Clips so bieten und ob es sogar auch positive Beispiele gibt. Schauen wir mal! Das heißt: Wenn wir bis dahin nicht völlig verblendet sind – vom Glow-Effekt.

2 Comments

  • Stephan sagt:

    Sooooo gut. Ich habe mir gerade alles durchgelesen und musste kurze Zeit aufhören weil ich Tränen gelacht habe! Deine Analyse trifft den Nagel auf den Kopf!
    Ich habe mir das Video nochmals angeschaut und mir sind noch ein paar Sachen aufgefallen die mich ebenfalls (als leihe) stören:

    0:58-1:01 // Laura guckt nicht mal dahin wo sie „vermeintlich“ putzt sondern guckt wieviel Mann von Ihren Ausschnitt sieht.

    1:04-1:07 // höchst unnatürliche Handbewegung bei dem „Haare-Werfer“ und dazu ein Blick (halte mal bei 1:07 an) der einfach nur „schräg“ ist! Das hätte man wirklich besser machen können!

    Ich habe Tränen gelacht!
    Danke!

    P.s. – das Video „was man liebt, gibt man frei“ finde ich fast noch schlechter.

  • Matthias sagt:

    Danke! Ich hätte auch noch locker 10 weitere Punkte auflisten können, aber es ist ja eh schon zu lang. Ja, unter seinen Videos gibt es einige Perlen. Ich werde da wohl eine kleine Serie draus machen (müssen).

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