Zeit ist oft merkwürdig abstrakt. 25 Jahre fühlen sich manchmal an wie letzte Woche – und manchmal wie aus einer fast vergessenen Zeit. Heute jährt sich der Terroranschlag auf das World Trade Center zum 25. Mal. Das ist einer dieser Tage, die man zeitlich nicht wirklich einordnen kann. Weil er einerseits schon ewig her ist, andererseits aber nahezu jeder Mensch noch weiß, wo er die Bilder von den Einschlägen der Flugzeuge zum ersten Mal gesehen hat. Ernsthaft: 25 Jahre Jahre ist das schon her?
Aber ja. Dieser Tag fiel bei mir in einen noch recht frischen Lebensabschnitt. Im Jahr 2000 habe ich mich als Endzwanziger – ausgestattet mit zu viel Hybris und viel zu wenig Berufserfahrung – mit zwei Freunden von der SpoHo mit einer Kommunikationsagentur selbständig gemacht. Kann man ja mal probieren. Wenn’s in die Hose geht: shit happens. Ich war jung. Man hat dann ja immer noch genug Zeit, etwas anderes zu machen. 2001 hatten wir dann schon ein paar Kunden, für die wir PR und Öffentlichkeitsarbeit gemacht haben. Unser Büro: die Küche und das Wohnzimmer meiner früheren Studenten-Wohnung in Köln, die ich noch ein Jahr vorher mit meiner früheren Freundin geteilt hatte. Nach der Trennung und ihrem Auszug blieb ich dort einfach alleine wohnen. Platz war also vorhanden und so kamen meine beiden Kompagnons jeden Tag „zum Dienst“ angetrottet, während ich mitunter verkatert im Badezimmer am Zähneputzen war. Schöne, wilde Zeit.
Im August 2001 hatten wir eine verrückte Idee: Für einen Kunden wollten wir ein ganzes TV-Format einfach selbst entwickeln und realisieren. Ich erwähnte meine damalige Hybris ja schon. Nur kurze Zeit später hatte ich sogar die Gelegenheit, unser Konzept direkt bei RTL vorzustellen. Und – immerhin – ich wurde nicht direkt hochkant rausgeworfen. Im Gegenteil. Laut der damaligen Redakteurin musste allerdings am Konzept noch gefeilt werden, und wir sollten uns mit einer etablierten TV-Produktionsfirma zusammentun. Dank persönlicher Kontakte kamen wir schnell mit CreaTV ins Gespräch, der damaligen Produktionsfirma von Hans Meiser, dem Daily-Talk-Urgestein der 90er Jahre.
Am 11. September 2001 hatte ich nachmittags gerade mit CreaTV-Mitarbeiterin Jeanette telefoniert als sie plötzlich verstummte und nach einer Pause meinte: „Krass. Das World Trade Center brennt…“ Umgehend schaltete ich den Fernseher in meinem Wohnzimmer unserem Büro ein. Wir starrten gemeinsam auf die Bilder. Zunächst ging man ja noch von einem tragischen Unfall aus. Um 15.03 Uhr deutscher Zeit, nur rund 20 Minuten nach dem ersten Flugzeug, schlug die zweite Passagiermaschine im Südturm des WTC ein. Live. Im TV. Von diversen Helikopter-Kameras eingefangen.
Und plötzlich war es klar und wurde auch so von den Medien benannt: Das war kein Unfall. Das war ein geplanter Terrorakt gegen die USA. Aber warum? Warum so? Wie geht das? Mein Kopf war in diesem Moment unfassbar leer. Schockzustand.
Auf RTL moderierte ein damals sehr junger Nachrichten-Anchorman namens Peter Kloeppel den ganzen Tag durch. Immer wieder übernahmen sie Bilder vom amerikanischen Nachrichtensender CNN, den man bis zu diesem Tag in Deutschland kaum kannte. An Arbeit war nicht mehr zu denken. Superschnell kamen die Meldungen auf, dass Al Qaida und Osama bin Laden hinter dem Anschlag stecken würden – und dass die USA einen Gegenschlag planen. Ich weiß noch, wie mir plötzlich alles egal war. Tagelang. Ich war der festen Überzeugung, dass wir ganz kurz vor einem Krieg stehen, dessen Ausmaß ich nicht greifen konnte. Nachts konnte ich schlecht schlafen. Das ging einigen Freunden auch so. Wir haben uns mitunter spätabends noch angerufen, über unsere Gedanken und Ängste gesprochen und im Bett liegend bis in die Nacht miteinander telefoniert. Es tat mir in den ersten Wochen nach 9/11 gut, zu wissen, dass man nicht alleine ist.
Die Arbeit in unserer noch so jungen Agentur musste natürlich weiter gehen. Den Sinn darin haben wir alle drei nicht gesehen. Unsere Motivation war überlagert von massiven Zunkunftsängsten. Es gab Geschäftspartner, bei denen hast du gespürt, dass es ihnen genauso ging. Aber es gab auch Kunden, die absurd schnell wieder zum Tagesgeschäft übergegangen sind. Vielleicht war es aber auch nur deren Methode, sich durch die Arbeit von den aktuellen Geschehnissen abzulenken. Es wirkte jedenfalls maximal surreal, sich in dieser Zeit über Kostenangebote und Pressetexte zu unterhalten. Es war damals auch völlig normal, von Köln aus zu Kundenterminen nach München oder Berlin zu fliegen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie mulmig es sich auf den ersten Flügen nach 9/11 angefühlt hatte und sich gefühlt jeder Passagier umgeguckt hat, wer denn da noch mit einem im Flieger sitzt.
25 Jahre her. Und doch so präsent im Kopf. Und im Gefühl.